Interview mit Tamara Köhler, Naturheilpraktikerin mit eidg. Diplom in Ayurveda Medizin

(2. Teil; hier geht es zum 1. Teil)

 

Verena Amacher: Die Psychologie verwendet den Begriff «Resilienz», eine Bezeichnung für das «Immunsystem der Seele». Gibt es in der Jahrtausende alten Ayurveda Lehre eine Entsprechung?

Tamara Köhler: Der Ayurveda bezeichnet die Seele als «göttlich» oder «reines Bewusstsein» und daher als «frei von allen Einflüssen». Man könnte sagen, dass «reines Bewusstsein» ein Bewusstsein ohne Inhalte, Konzepte oder Glaubenssätze ist. Probleme entstehen, wenn wir nicht mehr erfahren, dass wir reines Bewusstsein oder reine Liebe sind. Solange wir uns über den Körper, den denkenden Geist und die Sinneserfahrung definieren, sind wir von den äusseren Umständen abhängig. Resilienz oder die Fähigkeit, psychisch und physisch möglichst unbeschadet aus schwierigen Umständen hervorzugehen, hat sehr viel damit zu tun, wie frei wir innerlich von diesen Umständen sind. Menschen mit der Fähigkeit, vollkommen loszulassen und Herausforderungen mit Akzeptanz anstatt mit Kampf, Aggression oder Angst zu begegnen, haben es bedeutend leichter und verlieren im Alltag sehr viel weniger Kraft und Energie.

 

Verena Amacher: Über welche Voraussetzungen /Persönlichkeitsmerkmale muss Ihrer Meinung nach ein Mensch verfügen, um Belastungen und traumatische Erlebnisse möglichst unbeschadet überstehen zu können?

Tamara Köhler: Im Leben jedes Menschen gibt es Ereignisse, die belastender sind als andere. Und zweifellos sind darunter auch Erfahrungen, die sehr schwer zu verarbeiten sind, wie etwa Kriegserlebnisse, Vergewaltigungen oder schwere Naturkatastrophen.

Allgemein wird beobachtet, dass Menschen, die die Fähigkeit haben, schwierige Situationen zu meistern, eine gute Portion realistischen Optimismus mitbringen. Dadurch versinken sie nicht in ihrem Kummer und ihrer Verzweiflung. Sie sind fähig, ihre Emotionen wahrzunehmen und positiv zu steuern. Auch haben sie die Fähigkeit, Empathie zu empfinden und sich selber nicht so wichtig zu nehmen. Dadurch stellen sie ihre eigenen Probleme nicht ständig ins Zentrum ihres Lebens. Das heisst aber nicht, dass diese Menschen ihre Gefühle unterdrücken; Sie nehmen sich selbst nur nicht so wichtig. Dadurch sind sie weniger selbstbezogen, helfen anderen und beziehen selber Kraft daraus. Es ist im Prinzip die Fähigkeit, sich nicht als Opfer zu fühlen, sondern als liebenswertes, lebendiges Wesen. Diese Haltung ermöglicht es solchen Menschen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, aus jeder Situation das Beste zu machen und ihr einen tieferen Sinn zu geben. Daraus wiederum schöpfen sie die Kraft, um ihre positive Einstellung trotz belastender Umstände beizubehalten und gleichmütiger mit Widrigkeiten umzugehen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist in meinen Augen Demut. Je demütiger ein Mensch ist, desto eher akzeptiert er das, was IST und kann sich eigene Schwächen eingestehen,  eine Krisensituation annehmen und bei Bedarf Hilfe suchen. Es ist wichtig, Demut nicht mit Resignation zu verwechseln. Demut ist eine starke Kraft, die mir erlaubt, meine Grenzen anzuerkennen und entsprechend neue Wege einzuschlagen. Resignation dagegen ist ein Zeichen dafür, dass man in einer schwierigen Situation innerlich aufgeben und jeglichen Glauben an einen tieferen Sinn oder an die eigenen Fähigkeiten verloren hat.

 

Verena Amacher: Was kann man im Alltag dazu beitragen, um resilienter zu werden?

Tamara Köhler: Es gibt sowohl die physische wie auch die geistige Ebene, die man stärken kann. Ein stabiles Nervenkostüm und ein starkes Immunsystem helfen genauso wie ein positiver, ausgeruhter Geist. Ausreichend Schlaf zu den richtigen Zeiten hilft der Regeneration von Körper und Geist. Idealerweise geht man zwischen 21.30 h und 22.30 h zu Bett und steht, je nach individuellem Schlafbedürfnis, zwischen 5.00 h und 6.30 h auf. Eine leicht verdauliche, warme Mahlzeit am frühen Abend (z.Bsp. Suppe oder Kitchari) hilft zusätzlich, die Schlafqualität und die Regeneration des Nervensystems zu verbessern. Da sich ausserdem 70% des Immunsystems im Darm befindet, ist sein Zustand entscheidend für unsere Immunabwehr. Täglicher, regelmässiger Stuhlgang unterstützt daher unsere innere Ruhe, führt zu weniger emotionalen Schwankungen und vertieft den Schlaf. Das Nervensystem wird auch gestärkt, wenn man weniger Genussmittel wie Alkohol, Schokolade und Zucker zu sich nimmt.

Im Ayurveda versteht man sehr gut, wie die Ernährung unsere Emotionen und die Klarheit des Geistes beeinflusst. Im vedischen Verständnis setzt sich die gesamte Schöpfung aus drei Kräften zusammen. Diese drei Kräfte nennt der Ayurveda «Gunas» oder Eigenschaften. Die drei Gunas sind «Sattva» (Wahrheit, Reinheit), «Rajas» (Anhaftung, Leidenschaft) und «Tamas» (Unwissenheit, Dunkelheit). Auch alle Nahrungsmittel bestehen aus einer Kombination dieser Kräfte. Ihr Einfluss auf den Geist hängt sehr davon ab, welches Guna dominiert. So wird frisches Obst wie Trauben, Äpfel und Mangos von Sattva dominiert. Fertigpizza, alter Käse oder Brot hingegen von Tamas. Tomaten und Kaffee beispielsweise werden von Rajas dominiert. Was heisst das nun? Es bedeutet, dass die Gunas der Lebensmittel, die wir einnehmen, die Gunas unseres Geistes beeinflussen. Essen wir hauptsächlich sattvische Lebensmittel, wird der Geist klarer, lichtvoller und reiner, wir werden ruhiger und optimistischer. Nehmen wir hingegen viele Lebensmittel mit Rajas Qualitäten zu uns, werden wir emotional, ungeduldig, schnell erregt und können eingefahrene Konzepte schlecht loslassen. Wer häufig tamasische Lebensmittel zu sich nimmt, wird träge und unmotiviert, schläft viel, erkennt die eigenen Schwächen nicht mehr und verhält sich gleichgültig gegenüber den Gefühlen anderer Menschen. Eine frische sattvische Ernährung ist demnach eine wichtige Voraussetzung dafür, Probleme im Leben bewältigen zu können.

 

Verena Amacher: Der Ayurveda betont immer wieder die Bedeutung eines starken Immunsystems. Statt sich zu fragen, was den Menschen krank macht, wäre es doch sinnvoller, das zu finden, was ihn gesund erhält oder wieder gesund macht. Wie sehen Sie dies?

Tamara Köhler: Das Wort Ayurveda heisst wörtlich: «Wissen vom Leben». Dabei handelt es sich auch um das Wissen der Naturgesetze und was passiert, wenn ich mit ihnen lebe oder gegen sie. Man könnte daher auch sagen, dass Gesundheit ein hohes Mass an Ordnung/Energie bedeutet und dass Krankheit folglich ein Verlust dieser Ordnung ist. Das eine existiert also nicht ohne das andere. Da sich unser Leben heute sehr weit von der Natur, den Naturgesetzen und der Einfachheit entfernt hat, wird es zunehmend komplexer. Oft verlieren wir uns in diesen Komplexitäten. Wir denken gleichzeitig an tausend Dinge, rennen der Zeit hinterher und finden keinen Raum mehr für einen Ausgleich. Dadurch empfinden wir das Leben zunehmend als aufreibend und belastend. Auch sind wir vermehrt vielen Umweltgiften ausgesetzt. Da das Immunsystem eng mit dem Nerven- und Hormonsystem verbunden ist, wird es durch all diese Einflüsse geschwächt. Würden wir regelmässig essen, uns entspannen, meditieren, Yoga ausüben, würden wir unser Denken nicht nur nach aussen richten, sondern uns mehr der Stille zuwenden, wären wir gesünder. Aber weil unser Fokus meistens nach aussen gerichtet ist, wir uns zu wenig Schlaf gönnen, zu viel, zu wenig oder zum falschen Zeitpunkt essen, verletzen wir die Naturgesetze ständig. Dies führt unweigerlich zu einer Schwächung unseres Immunsystems und zu Krankheiten. Anstatt auf die Signale unseres Körpers zu hören, verlangen wir dann nach schnellen Lösungen wie Symptom unterdrückende Medikamente, Impfungen, Vitamin C etc.. Besser und nachhaltiger wäre es, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben ändern müssten, um gesund zu bleiben.

 

Verena Amacher: In Krisenzeiten wird uns besonders bewusst, dass wir nicht nur Einzelwesen sind, sondern über soziale Beziehungen eng mit dem gesundheitlichen Zustand unserer Mitmenschen und der ganzen Gesellschaft verbunden sind. Kann ein einzelner Mensch überhaupt etwas dazu beitragen, dass sich der Gesundheitszustand einer Gesellschaft verbessert?

Tamara Köhler: Ein einzelner Mensch kann in meinen Augen sehr viel bewirken, um anderen Menschen zu helfen; sei es in Bezug auf die Gesundheit oder in anderen Lebensbereichen. Ein Mensch mit einer positiven Grundhaltung, der Veränderungen akzeptiert und konstruktiv auf Schwierigkeiten reagiert, zieht sein ganzes Umfeld mit. Auch ein in sich ruhender, gesunder Mensch beeinflusst andere dahingehend, selber gesünder zu leben. Manchmal ist eine solch positive Beeinflussung erkennbar, häufig sind diese Einflüsse jedoch nicht direkt sichtbar, weil wir ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Schauten wir genauer hin, würden wir wahrnehmen, wieviel die Ruhe und innere Stabilität dieser Menschen im Aussen bewirken kann.

 

 

Liebe Frau Köhler, wir danken Ihnen herzlich für Ihre interessanten Antworten zu den Themen Stress und Resilienz und die tieferen Einsichten in das faszinierende Gesundheitssystem des Ayurveda.  

 

Praxis

Tamara Köhler

Ayurveda Beratung

Eichholzstrasse 2

3084 Wabern

 

Telefon: 031 558 39 93
E-Mail: [email protected]

www.ayur-veda-beratung.ch