Die Haut als Symbol

Eine schöne, strahlende und gesunde Haut zu haben ist der Wunsch vieler Menschen. Die Haut stellt eine direkte Verbindung zwischen «Innen» und «Aussen» her. Sie ist das Kontaktorgan zu anderen Menschen und nimmt Berührung, Zärtlichkeit, Wärme, Nähe, Distanz, Kälte und Schmerz wahr. Aufgrund der embryonalen Entwicklungsgeschichte besteht eine enge Beziehung zwischen Haut, Sinnesorganen und Nervensystem. Alle drei bilden sich gemeinsam aus dem Ektoderm – dem äusseren Keimblatt – während der Embryogenese (Embryonalentwicklung). Darin finden wir den Grund für den direkten Zusammenhang zwischen Haut und emotionaler Empfindsamkeit. Im Volksmund sprechen wir deshalb von «sich in seiner Haut wohlfühlen», «aus der Haut fahren», «ich kann nicht aus meiner Haut», «eine dünne Haut haben», «ich möchte nicht in deiner Haut stecken».

Die Haut aus wissenschaftlicher Sicht

Die Haut ist das grösste Organ des menschlichen Körpers mit einer Fläche von 1,5 – 2 m2 und einem Gesamtgewicht von 3,5 – 10 kg. Für die Gesundheit ist sie mit ihren vielen Funktionen ein zentrales Organ. Die Haut umgibt den Körper wie ein Schutzschild und bildet eine Grenze zwischen «Innen» und «Aussen». Schädliche Einflüsse, Fremdstoffe oder Krankheitserreger werden abgewehrt, Hitze und Kälte über die Schweissdrüsen reguliert. Die Haut übernimmt wichtige regulatorische Aufgaben, die die Homöostase (Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen) sichern. Sie hat aber auch eine wichtige Ausleitungs- und Entgiftungsfunktion.

Schliesslich ist die Haut auch eine Art «Spiegel der Seele». Ein gesunder und glücklicher Mensch hat eine gesunde Haut. Diese Haut ist geschmeidig, glatt, weich, klar, mit feinen, spärlichen, tief verwurzelten und zarten Haaren und glänzend (Caraka). Eine gesunde, funktionstüchtige Haut ist deshalb von zentraler Wichtigkeit.

Die Haut aus ayurvedischer Sicht

Die Haut gilt im Ayurveda als Sekundärgewebe (upadhātu) des Muskelgewebes (māṃsa-dhātu) und weist damit auf eine direkte funktionale Beziehung zur Muskulatur hin.

Im Ayurveda wird die Haut als «Sitz» von Vāta betrachtet, insbesondere von vyāna-vāta. Vyāna-vāta ist über den ganzen Körper verteilt und vermittelt die Sinnesempfindungen an der Körperoberfläche. Es ermöglicht alle Körperbewegungen über die Muskulatur und stimuliert die gesamte sensomotorische und vegetative Nervenaktivität über die Haut. Trockene Haut, «Ameisenlaufen», Taubheitsgefühle, Schmerz- und Überempfindlichkeit sowie Zirkulationsstörungen sind Zeichen von einem schwachen und übererregtem vyāna-vāta.

Die Ausstrahlung, das Aussehen, die Beschaffenheit sowie die Durchblutung der Haut werden dem bhrājaka-pitta zugeordnet. Das bhrājaka-pitta ermöglicht die Resorption von Substanzen über die Haut. In ayurvedischen Therapien wird dies über Heilölmassagen, Kräuterstempel, Kräuterauflagen, Wärmeanwendungen und allgemein über Berührung genutzt. Alles, was «unter die Haut» geht, berührt bhrājaka-pitta aber auch vyāna-vāta. Ein gestörtes bhrājaka-pitta zeigt sich unter anderem in Hautausschlägen, Ekzemen, Akne, unreiner Haut, Entzündungen, Rötungen oder der Weissfleckenkrankheit.

Das Unterhautfettgewebe dient als Stosspuffer, Kälteschutz und als Energiespeicher und ist verantwortlich für den Zusammenhalt im gesamten Organismus. Die Talgdrüsen bewahren die Haut vor Austrocknung und der Talg schützt die Haut und hält sie geschmeidig. Das śleṣaka-kapha ist dafür verantwortlich. Der Hauptsitz von śleṣaka-kapha ist in den Gelenken und sorgt dort für eine gute Schmierung, Versorgung und Schutz. Ist śleṣaka-kapha gestört, führt das in der Haut zu einer gestörten Talgproduktion, Seborrhöe (Überproduktion von Hautfetten), zu trockener oder fettiger Haut.

Der Ayurveda kennt 18 verschiedene Hauptformen von Hautkrankheiten. Es gibt sieben «grosse» und schwere Formen von Hautkrankheiten (mahā-kuṣṭha), und elf «kleine», milde kuṣṭha-Formen (kṣudra-kuṣṭa). Caraka, Ci. 7.10, 13 – 26

Hauptursachen für Hautkrankheiten

Folgendes Verhalten führt gemäss ayurvedischen Prinzipien zu Störungen in der Haut: (Caraka, Ci. VII, 4-8, Ni. V 6)

 

  • Fettig-ölige Nahrung
  • Schwerverdauliche Nahrung
  • Salzige und saure Nahrungsmittel
  • Übermass an ungekochter Nahrung (Ausnahme: Obst)
  • Übermass an Weissmehl, Joghurt, Fisch, Sesam, Rettich
  • Unverträgliche Nahrungsmittelkombinationen (viruddhāhāra, z. B. Milch mit Früchten, Fisch mit Milch)
  • Nahrungsaufnahme vor vollständiger Verdauung der vorangegangenen Mahlzeit
  • Körperliche Belastung nach einer schweren Mahlzeit
  • Sonneneinstrahlung oder Hitze nach einer schweren Mahlzeit
  • Kalte Getränke sofort nach Sonneneinstrahlung, Hitze oder körperlicher Anstrengung
  • Tagesschlaf
  • Unterdrückung der natürlichen Reinigungsreflexe, insbesondere Brechreiz
  • Psychische Faktoren
  • Ethisches Verhalten (z.B. Beleidigen von älteren Menschen)
  • Falsch durchgeführte Reinigungstherapien (śodhana)

 

Die ätiologischen Faktoren für Hautkrankheiten (kuṣṭha) geben wichtige ayurvedische Informationen, wie Hautkrankheiten vorgebeugt und im Ansatz behandelt werden können. Wichtig ist zu bedenken, dass bei fast allen Hautkrankheiten oft tieferliegende Gründe vorliegen. Aufgrund von falscher Ernährung oder falschem Verhalten kommt es zu Stoffwechselstörungen. Die Folge davon ist ein geschwächtes Agni (mandāgni), ein zu starkes Agni (tiktikṣnāgni) oder ein unregelmässiges Agni (viṣamāgni). Es kann sich āma bilden. Nahrungsreste, die nicht vollständig aufgespalten und verdaut wurden und als krankmachende Stoffe im Körper liegen bleiben, können zu vielen Hautkrankheiten führen. Aber auch Verstopfung, Fettverdauungsstörungen, Leberbelastungen, Magensäure sowie psychische Belastungen und Stress sind verantwortlich für eine ungesunde Haut.

Entstehung und Entwicklung von Hautkrankheiten

Pathogenese (saṃprāpti):

Doṣas: vāta, pitta, kapha / Dūṣyas: tvak, rakta, māṃsa, lasīkā

Bei Hautkrankheiten sind in der Regel alle drei doṣas und vier Gewebe als dūṣyas betroffen (Caraka, Ci. 7.9). Anhand der Symptomatik werden individuell die dominierenden Faktoren ermittelt und therapiert. Wichtig bei Hautkrankheiten ist insbesondere das rakta-dhātu in die Therapie zu integrieren.

Therapie von Hautkrankheiten

Der erste Schritt in der Therapie ist immer die Ursachenvermeidung (nidāna-parivarjana).

Wenn āma abgebaut werden muss, ist eine leichte, warme Kost mit erwärmenden Nahrungsmitteln notwendig. Dazu können je nach Konstitution und doṣha-Dominanz Kräuter wie Triphala, Trikatu, Pippali (Piper longum) etc. eingenommen werden.

Eine Trinkkur mit heissem Wasser hilft bei Hautkrankheiten. Das heisse Wasser 10 Minuten abkochen, 2 Minuten stehen lassen und schluckweise alle 30 Minuten über den Tag verteilt trinken. Es reinigt, öffnet die Poren, leitet Toxine aus, befeuchtet, reinigt den Darm und aktiviert die Nieren.

 

Allgemeine Behandlungsprinzipien bei Hautkrankheiten:

Empfehlung (pathya):

  • bevorzugt eher bittere, leicht verdauliche Nahrungsmittel
  • warme Mahlzeiten
  • biologische und regionale Zucchini, Gurken, alle Kürbisgewächse, grüne Blattsalate, Bittersalate
  • süsse Früchte
  • Ghee
  • Kurkuma-Wasser: ½ – 1 TL Kurkuma in ein Glas warmes Wasser; 3 x tgl.
  • Limettensaft mit Honig: morgens sofort nach dem Aufstehen, ½ Limette mit 1 TL Honig in einem Glas lauwarmem Wasser
  • Alle Hauptursachen sollen vermieden werden.

Meidung (apathya):

  • Saures (z.B. Tomaten, saure Beeren, Zitrusfrüchten, etc.), Salziges (wie z.B. Pommes-Chips), Scharfes, Schweres (tierische Proteine wie Milch, Joghurt, Fleisch und Käse), Verstopfendes (trockenen und stärkehaltige Nahrungsmittel)
  • Tagesschlaf
  • Siehe Hauptursachen

 

Bei Hautkrankheiten bestimmen Ayurveda Ärzt*innen oder Naturheilpraktiker*innen mit eidg. Diplom in Ayurveda Medizin das Vorgehen und den Therapieplan nach einer gründlichen Anamnese und ayurvedischen Diagnose.

Meistens sind eine bis mehrere stationäre oder ambulante Panchakarma-Kuren mit ausleitenden Verfahren (śodhana) angesagt, wie z.B. therapeutisches Erbrechen (vamana, bei kapha-Dominanz), Abführen (virecana, bei pitta-Dominanz), Dekokteinläufe (nirūha-basti), Blutegeltherapien oder Blutentzug (rakta-mokṣana).

 

Äussere Anwendungen:

  • Dampfbäder mit Neem-Blättern (Azadirachta indica) oder Triphala-Abkochung
  • Ölmassagen (je nach doṣha-Dominanz: z.B. Jātyādi-taila bei pitta-Dominanz, oder Mārīcyādi-taila bei kapha-Dominanz)
  • Kräuter-Packungen (lepas): 1 x tgl. während 1 Woche, danach alle 2 – 3 Tage, die frisch hergestellte Kräuter-Paste auf die betroffenen Hautstellen auftragen und mindestens 2 – 8 Std. (z.B. über Nacht) einwirken lassen. Je nach doṣha-Dominanz und Hautkrankheit werden vom Ayurveda Mediziner*in ausgewählte Kräuter oder Präparate eingesetzt. z.B.:
    • Gelbwurzel-Ghee-Paste: Gelbwurzelpulver (Kurkuma) mit Ghee zu einer Paste mischen und auf Entzündungen, Akne, Herpes, Hautgeschwüre, etc. auftragen, 10 Minuten einwirken lassen und abwaschen. Gelbwurz (Curcuma longa) wirkt «blutreinigend» (rakta-śodhana), keimtötend, entzündungshemmend, schmerzstillend.
    • Gelbwurzel-Aloe Vera-Paste: Gelbwurzel-Pulver mit Aloe Vera-Gel mischen und mehrmals täglich z.B. auf Herpesbläschen oder lokal bei Hämorrhoiden auftragen.
    • Sandelholz-Paste: Sandelholz-Pulver mit Wasser zu einer Paste mischen und über Nacht auftragen. Wirkt gegen Brennen, Juckreiz, Hitze, pitta-Hautkrankheiten.
    • LinsenPaste: Linsen über Nacht einweichen, morgens zu einer Paste mörsern auf Akne auftragen und während 3 – 4 Stunden einwirken lassen.

 

Die medikamentöse Therapie mit tiefergreifenden Heilkräuter-Präparaten wird individuell und gemäss Symptomen und doṣha-Dominanz von Naturheilpraktikern verordnet.

 

Zur Hautgesundheit gehören weitere Massnahmen wie:

  • Rhythmischer Lebensstil
  • Guter und ausreichender Schlaf
  • Regelmässige, angemessene Bewegung an der frischen Luft
  • Morgensonne (Sonnenaufgang bis 9 Uhr)
  • Yoga-Übungen, Pranayama (Atemübungen)

 

Die Autorin: Frau Sabine Anliker

*Sabine Anliker ist Naturheilpraktikerin mit eidg. Diplom in Ayurveda Medizin und Traditioneller Europäischer Naturheilkunde (TEN). Seit 1982 ist sie in einer eigenen Praxis tätig und verfügt daher über ein enormes theoretisches und praktisches Wissen im Bereich Naturheilkunde. Zudem ist Sabine Anliker als Dozentin sowie in zahlreichen Fachverbänden engagiert.

 

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