Ein Gespräch zum Thema Ayurveda für Kinder mit Carla Kostgeld, dipl. Naturheilpraktikerin Ayurveda-Medizin und zert. Ayurveda-Kindergesundheitscoach.

Liebe Carla, wie bist du zum Ayurveda gekommen – und was fasziniert dich an der Arbeit mit Kindern?

Schon im Gymnasium wurde mein Interesse für Naturmedizin geweckt. Ayurveda hat mich sofort angesprochen, weil es den Menschen ganzheitlich betrachtet und mit der Weisheit der Natur verbindet. Die Arbeit mit Kindern erfüllt mich besonders: Ihre Unbefangenheit, ihre Präsenz im Moment und ihre Lebensfreude sind einfach ansteckend. Im Ayurveda beginnt Gesundheit nicht erst mit der Geburt, sondern bereits bei der Empfängnis – also mit dem Zustand von Gebärmutter und Spermium. Die frühkindlichen Jahre prägen unser gesamtes System – körperlich, emotional und mental. Deshalb liegt mir die Begleitung von Familien besonders am Herzen.

Was bedeutet Ayurveda für Kinder – und warum passt es gut in den Familienalltag?

Ayurveda ist keine starre Heilkunde, sondern lässt sich auch als lebensnahe Philosophie gut in den Alltag integrieren. Besonders bei Kindern sehe ich grosses Potenzial in der Prävention. Ich arbeite vor allem mit den Bereichen Ernährung (Ahara) und Lebensweise (Vihara), weil sie sich ohne Druck gut in den Alltag einbauen lassen. Kleine Veränderungen in den täglichen Routinen können Grosses bewirken. Bei akuten Beschwerden ergänze ich die Behandlung mit Spagyrik oder verweise in die Homöopathie. Auch beim Ayurveda für Kinder geht es darum, die Ursachen zu verstehen und nicht nur Symptome zu behandeln.

Wie können Familien den Morgen ayurvedisch gestalten – entspannt und stärkend?

  • Sanftes Wecken mit Berührung oder kurzen Massagen
  • Ein warmes Getränk (z.  lauwarmes Wasser oder Kräutertee)
  • Frische Luft – gemeinsam das Fenster öffnen und bewusst atmen
  • Ein leichtes, warmes Frühstück, angepasst an die Konstitution des Kindes
  • Rituale, die Halt und Geborgenheit geben – ohne starre Regeln
zwei kleine Kinder die lachend in ein Haus rennen

Warum sind Routinen im Ayurveda so wichtig – gerade bei Kindern?

Kinder befinden sich in der Kapha-Phase ihres Lebens – sie wachsen und bauen auf. Kapha liebt Struktur, Wiederholung und Geborgenheit. Regelmässige Routinen wie gemeinsame Mahlzeiten, Bewegung und Rituale am Morgen und Abend stärken das Nervensystem und fördern emotionale Ausgeglichenheit.

Welche kleinen Rituale empfiehlst du für den Alltag?

  • Ayurvedische Babymassage oder Kindermassage mit Mandelöl
  • Abends gemeinsam die Füsse waschen oder massieren mit Mandelöl oder Ghee
  • Geschichten erzählen bei Tee oder Gewürzmilch
  • Täglich raus in die Natur – Erdung durch Bewegung und frische Luft

Wie erkennt man die Konstitution eines Kindes?

Über eine ayurvedische Konstitutionsanalyse, bei der ich u. a. Körperbau, Verhalten, Verdauung und Vorlieben beobachte. Ein genaueres Bild ergibt sich meist erst nach der Pubertät, doch Tendenzen lassen sich auch schon früher erkennen.

Was empfiehlt Ayurveda bei der Ernährung von Kindern?

Kinder sollten warm, frisch und nährend essen. Kapha soll gestärkt, aber nicht überfordert werden (also nicht zu schwer oder zu süss).

  • Mild gewürzte Speisen, z. B. mit Zimt, Kardamom, Vanille, Fenchel, Anis, Ajwain, Safran, Kreuzkümmel (ab Beikostalter in angepasster Menge)
  • Wenig Zucker, möglichst natürliche Süsse (z.  Datteln, Trockenfrüchte in Massen)
  • Keine kalten Getränke oder Rohkost am Abend
  • Speisen saisonal, regional und typgerecht zubereiten

Wie kann man Kinder spielerisch an ayurvedisches Essen heranführen?

  • Einzelne Gewürze gemeinsam entdecken, riechen, probieren
  • Vertraute Speisen ayurvedisch anpassen
  • Zucker schrittweise reduzieren, natürliche Alternativen nutzen
  • Neue Gerichte langsam und ohne Druck einführen
  • Gemeinsames Kochen – Kinder aktiv einbinden (z.  Gewürze mahlen)
zwei kleine Kinder in der Küche die Ihre Mutter auf die Wangen küssen

Gibt es spezielle ayurvedische Massagen für Kinder?

Ja, und sie sind unglaublich wohltuend. Die Babymassage kann auch unter Anleitung bei mir erlernt werden. Bei Kleinkindern arbeite ich mit Geschichten und den fünf beschriebenen Elementen des Ayurveda – bei Schulkindern lässt sich bereits die Abhyanga-Massage sanft umsetzen. Massagen sind eine einfache Methode um Ayurveda für Kinder umzusetzen.

Kann Ayurveda bei Kinderkrankheiten helfen?

Die Kashyapa Samhita, ein klassischer ayurvedischer Text, widmet sich ausführlich der Kinderheilkunde (Kaumarabhritya = diatrie, inklusive Geburtshilfe und Gynäkologie). Mein eigener Schwerpunkt liegt auf der Prävention: Ziel ist es, das Immunsystem zu stärken, die Selbstregulation zu fördern und Beschwerden möglichst frühzeitig zu begegnen.

Bei chronifizierten Erkrankungen ergänze ich die ayurvedische Therapie mit Spagyrik und weiteren naturheilkundlichen Methoden. Schon Kashyapa betonte die zentrale Rolle von Ahara (Ernährung) und Vihara (Lebensweise) – zwei Bereiche, die gerade im Kindesalter besonders kraftvoll wirken können.

Gleichzeitig zeigt meine Erfahrung: Auch ayurvedische Präparate werden von Kindern nicht immer wie erwartet angenommen. Deshalb lege ich grossen Wert auf individuelle, alltagstaugliche Lösungen – mit Feingefühl, kindgerechter Auswahl, heimischen Pflanzen und viel Geduld.

Im Bereich der manuellen Therapie kann Ayurveda auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen – zum Beispiel mit lokalen Anwendungen wie Kati Basti (Teigring-Anwendungen), warmen Auflagen oder Wickeln (Lepa), die sich gut an kindliche Bedürfnisse anpassen lassen.

Was sind die häufigsten „Fehler“, die du beobachtest?

  • Zu häufiges Snacken bzw. konstantes Anbieten von Snacks, obwohl das Kind keinen Hunger zeigt
  • Kalte Milch und Milch in Kombination mit sauren, rohen Früchten (z.  Shakes)
  • Zu viel (versteckter) raffinierter Zucker
  • Ständig kalte Speisen und zu viel Rohkost
  • Vermehrter Medienkonsum (vor allem vor dem Essen oder vor dem Schlafengehen)
  • Wenig Bewegung und zu wenig Zeit in der Natur
  • Mahlzeiten ohne Ruhe oder in Hektik (z.  unterwegs, mit Ablenkung)
  • Zu späte Abendessen oder Essen kurz vor dem Schlafengehen
  • Trinken während oder direkt nach dem Essen in grossen Mengen

Und zum Schluss: Was ist dein wichtigster Tipp für Eltern?

Ayurveda soll euch im Alltag unterstützen, nicht unter Druck setzen. Ayurveda für Kindern verstehe ich als Einladung zu mehr Achtsamkeit, Gesundheit und Verbindung. Nehmt mit, was für eure Familie stimmig ist – der Rest darf auch mal liegen bleiben.

Carla Kostgeld arbeitet in eigener Praxis in der Stadt Luzern. Sie empfängt Kinder und Eltern zu Erstkonsultationen, Babymassagen und Kindermassagen. Erwachsene begleitet sie bei chronischen Krankheiten und ambulanten Panchakarma-Kuren.

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