Einfluss der Vererbung

Bei der Betrachtung alter Familienfotos begegnen uns der kahlköpfige Onkel und die Grossmutter mit ihrer früh ergrauten Hochsteckfrisur, die Schwester, deren widerspenstige Locken schon als Kind kaum zu bändigen waren, oder der Cousin mit seinem vollen, öligen, gewellten Haar, das sein rundes Gesicht eindrucksvoll einrahmt.

Unsere Gene und unsere Grundkonstitution (Prakriti) sind auch weitgehend für die Qualität unserer Haare zuständig, was aber nicht bedeutet, dass wir diesen Veranlagungen einfach so ausgeliefert sind. Mit ayurvedischen Massnahmen lassen sich Prozesse hinauszögern oder unliebsame Entwicklungen beeinflussen. Gesunde Haare und Nägel sind für jeden Menschen ein attraktiver, natürlicher Schmuck.

Ausdruck des Gesundheitszustandes

Die Beschaffenheit der Haare und der Nägel ist – unabhängig von der Genetik – immer auch ein Ausdruck des allgemeinen Gesundheitszustandes. Viele Ursachen können dafür verantwortlich sein, wenn Haare kraftlos, glanzlos, oder widerspenstig sind, wenn Nägel leicht brechen oder sich verfärben. So können unsere körperliche, geistige und seelische Befindlichkeit, hormonelle Veränderungen (z.B. während der Schwangerschaft und nach der Geburt), Jahreszeitenwechsel oder ein ernährungsbedingter Mangel an Vitalstoffen für Aussehen und Textur unserer Haare und unserer Nägel verantwortlich sein. Wobei jedoch anzumerken ist, dass es durchaus normal ist, wenn zu bestimmten Jahreszeiten mehr Haare ausfallen und anschliessend wieder zahlreicher spriessen.

Stoffwechsel und Asthi Dhatu

Auch wenn es um Themen wie Haare und Nägel geht, schaut der Ayurveda genau hin und zeigt dabei wesentliche Zusammenhänge auf. So kennen ayurvedische Ärzte sieben verschiedene Körpergewebe (Dhatus), wobei jedes feinere Dhatu aus dem jeweils gröberen hervorgeht. Die aufgenommene Nahrung durchläuft in komplexen Stoffwechselprozessen die Dhatus und nährt sie. Für Ayurvedagelehrte ist die Beurteilung des Zustandes der Gewebe mitentscheidend, um den Gesundheitszustand der Klienten zu bestimmen.

Asthi ist das 4. Dhatu; ihm werden Knochen, Knorpel und Stützgewebe zugeordnet. Vielleicht mag es erstaunen, dass auch Zähne, Haare und Nägel zum Asthi-Dhatu gehören. Zähne, Haare und Nägel stehen, als dessen «Nebenprodukte», in enger Beziehung zum Ernährungs- und Stoffwechselzustand von Asthi.

Während das Baby schon mit feinen Haaren auf dem Köpfchen geboren wird, erscheinen erst mit der beginnenden Pubertät und im frühen Erwachsenenalter Achselhaare, Schambehaarung, Bart und (männliche) Körperbehaarung als sekundäre Sexualmerkmale. Dies sind ebenfalls feinste Produkte von Asthi-Dhatu, jedoch in Verbindung mit den Fortpflanzungsgeweben Shukra und Artava.

Eigenschaften der Haare & Nägel bei Vata, Pitta und Kapha Typen

Aufgrund der ererbten Grundkonstitution sind neben Körperbau und Temperament der Dosha Typen auch die natürliche Beschaffenheit der Haare und Nägel unterschiedlich. Folgende Auflistung zeigt die charakteristischen Eigenheiten für Vata, Pitta und Kapha.

Vata Haare sind tendenziell:

  • trocken
  • spröde
  • struppig
  • spärlich
  • kraus
  • glanzlos
  • eher dunkel

Pitta Haare sind tendenziell:

  • seidig
  • glatt
  • weich
  • glänzend
  • (rot-)blond
  • früh ergraut
  • frühzeitig ausfallend (Glatzenbildung)

Kapha Haare sind tendenziell:

  • stark
  • voll
  • kräftig
  • wellig, lockig
  • ölig, fettig
  • schuppig
  • am ganzen Körper vorhanden

Vata Nägel sind tendenziell:

  • trocken
  • brüchig
  • rau

Pitta Nägel sind tendenziell:

  • weich
  • rosa
  • biegsam

Kapha Nägel sind tendenziell:

  • dick
  • glänzend
  • stark

 

Die genaue Untersuchung der Nägel (Qualität, Verfärbungen, Struktur) kann einer Ayurveda Fachperson wertvolle Hinweise über den Gesundheitszustand der Klienten geben, besonders über das oben beschriebene Asthi-Dhatu. Abgekaute Nägel sind oft ein Hinweis auf ein übererregtes Vata Dosha und Anspannungen im Nervensystem.

Pflege der Haare

Dass das vertraute Wort «Shampoo» eine Weiterentwicklung des Hindi Wortes «Champi» ist, wissen wohl die wenigsten. «Champi» bedeutet «Kopfmassage», die gönnen wir uns gerne regelmässig bei der Haarwäsche.

Für die Pflege unserer Haarpracht ist ein auf die Eigenschaften der Haare abgestimmtes, natürliches Produkt sehr wichtig. Nebst der herkömmlichen flüssigen Shampoos sind heute im Handel interessante Alternativen in Form von Haarseifen oder pulverförmigen Produkten zu finden. Zur Spülung der Haare sollte nur lauwarmes Wasser verwendet werden, da Haare und Kopfhaut empfindlich auf Hitze reagieren. Dasselbe gilt auch für die Trocknung der Haare, ein heisser Fön erhöht Pitta, aber der Kopf mag es eher leicht kühl. Besser ist es, die Haare an der Luft trocknen zu lassen, dabei aber eine zu starke Auskühlung der Kopfhaut zu vermeiden.

Ein besonderes Augenmerk gilt dem weit verbreiteten Färben der Haare, um graue Ansätze abzudecken oder einfach, um einen neuen Stil auszuprobieren. Da konventionelle Produkte zahlreiche chemische Substanzen enthalten, die über die Kopfhaut aufgenommen werden, sollten natürliche Haarfärbemittel bevorzugt werden.

Massage der Kopfhaut mit Ölen

Zur Erhaltung einer gesunden Kopfhaut und einer vitalen Haarpracht empfiehlt der traditionelle Ayurveda die regelmässige Massage dieses Bereichs. Massagen mit Pflanzenölen oder speziellen ayurvedischen Haarölen reinigen und nähren Haarwurzeln und Kopfhaut, stärken die Haare und machen sie widerstandsfähiger. Der Ayurveda spricht aufgrund jahrtausendealter Erfahrung von einem verzögerten Alterungsprozess. Damit können wir die genetischen Voraussetzungen aktiv ausgleichen. Dasselbe gilt für die Pflege der Nägel an Händen und Füssen: Auch sie profitieren von regelmässigen Ölmassagen (Abhyanga).

Der Kopfbereich profitiert besonders, wenn das warme Pflanzenöl nach der Massage noch circa eine bis zwei Stunden einziehen darf. Ein Handtuch oder eine leichte Baumwollmütze sorgen für den Erhalt der Wärme.

Für die Kopfmassage eignen sich ayurvedische Spezialöle mit traditionellen Kräutern oder gereiftes Sesamöl, das besonders leicht in die Haut eindringen kann und sanft wärmend ist. Alternativ kann Olivenöl, Mandelöl oder Sonnenblumenöl verwenden, wer Sesamöl nicht mag. Hitzige (Pitta-)Köpfe erfahren leichte Kühlung mit Kokosöl, besonders in der heissen Jahreszeit.

Tipp: Bei der anschliessenden Haarwäsche das Shampoo direkt auf die öligen Haare geben, gut einmassieren und erst danach mit warmem Wasser ausspülen. Vorgang wiederholen.

Nahrung und Ausgleich von innen

Was für die Haut gilt, findet auch bei Haaren und Nägeln Anwendung: Einen wesentlichen Anteil an gesunden, widerstandsfähigen Haaren und kräftigen, glänzenden Nägeln haben eine vitalstoffreiche Ernährung und ein starkes Agni, das ayurvedische Verdauungsfeuer.

So sollen Lebensmittel bevorzugt werden, die sattvisch sind, frisch, naturbelassen und vorwiegend pflanzlich. Dazu gehören Gemüse, Früchte, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, frisch gepresste Säfte, Ghee, Milch und leicht verdauliche Milchprodukte wie Frischkäse sowie genügend reines Wasser. Dabei sollten die spezifischen Bedürfnisse der Dosha-Typen und die Jahreszeiten beachtet werden. Um individuelle Ungleichgewichte rund um Haare und Nägel auszugleichen, empfehlen sich traditionelle ayurvedische Rezepte aus Kräutern und Mineralien. Es ist viel leichter, erste Massnahmen zu ergreifen, solange Probleme noch unscheinbar und klein sind.

Auf einen Blick

  • Die Beschaffenheit von Haaren und Nägeln ist genetisch bestimmt, aber beeinflussbar.
  • Haare und Nägel von Vata, Pitta und Kapha sind unterschiedlich.
  • Ebenso wie Zähne gehören Haare und Nägel zum Asthi-Dhatu.
  • Eigenschaften von Haaren und Nägeln geben Aufschluss über den Gesundheitszustand.
  • Zur Haarpflege gehören auch regelmässige Kopfmassagen mit Ölen.
  • Gesunde sattvische Lebensmittel nähren von innen.