Leben ohne Fleisch, Käse, Honig und Co. ist zunehmend angesagt. In Büchern und Zeitschriften ist Veganismus ein Dauerthema. Doch was sagt der Ayurveda zu einer rein pflanzlichen Kost?

 

Neben gesundheitlichen Gründen, auf sämtliche tierische Produkte zu verzichten, sind auch ethische Gründe sowie klimapolitische und ökologische Überzeugungen zunehmend Motivation genug, die eigene Ernährung auf rein pflanzliche Kost umzustellen.

 

Durch unterschiedliche Vorlieben beim Essverhalten können Meinungsverschiedenheiten zu hitzigen Diskussionen unter Mitmenschen führen. Ob Fleischesser oder Veganer – Respekt und Achtung sind Sattva-Qualitäten, die beiden Seiten helfen, in gegenseitiger Akzeptanz friedvoll und wertschätzend miteinander zu leben.

 

Wenn man die heutige Nahrungsmittelproduktion betrachtet, wird man mit unvorstellbar leidvollen Bildern aus industriellen Tierfabriken konfrontiert, wo Tiere unter unwürdigsten Umständen gehalten werden. Sie «produzieren» Milch, Eier und Fleisch, um die Gier der Menschen nach billigem Essen zu stillen.

 

In ländlichen Gegenden aller Kulturen, besonders in kargen, bergigen Regionen, leben die Menschen seit Jahrtausenden in enger und respektvoller Symbiose mit ihren Tieren. Sie gewähren den Tieren Schutz, pflegen und nähren sie. Dafür werden die Menschen mit lebensnotwendigen tierischen Produkten versorgt. Eine natürliche, würdige Lebensgemeinschaft, die auf einer ganzheitlichen, ethischen Weltsicht basiert.

 

Die ayurvedische Medizin orientiert sich an jahrtausendealtem, traditionellem Wissen. Ayurvedische Ernährung vertritt weitgehend vegetarische und vegane Ansätze. Dabei werden das Wohl und die Gesundheit des Menschen jedoch sehr differenziert betrachtet. Nahrungsmittel werden jeweils entsprechend ihrer Eigenschaften und Qualitäten auch therapeutisch eingesetzt. Kein Lebensmittel wird im Ayurveda als generell gesund oder ungesund betrachtet. So werden auch Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie Milch, Ghee oder Honig in kleinen Mengen eingesetzt. Unter «Milch» versteht der Ayurveda ein ausserordentlich wertvolles Nahrungsmittel, dem nährende, aufbauende und kühlende Eigenschaften zugeschrieben werden. Naturbelassene Rohmilch artgerechter Tierhaltung wird vor dem Konsum ein paar Minuten lang mit ausgewählten Gewürzen wie Kardamom, Ingwer und Kurkuma gekocht. Dadurch wird die Milch leicht verdaulich und allgemein bekömmlich. Mit homogenisierter, uperisierter und in weiteren industriellen Prozessen verarbeitete Milch, die heute bei vielen Menschen zu Verdauungsbeschwerden führt, hat das ayurvedische Verständnis von Milchkonsum gar nichts zu tun.

 

Um einer ausgezehrten Person wieder zu Substanz und Energie zu verhelfen, verordnet ein ayurvedischer Vaidya (Arzt) ab und zu auch eine kräftigende Fleischsuppe.

Als Bestandteil traditioneller Rezepturen begegnen einem teilweise sogar mineralische Komponenten wie Muschelschalen oder gar Perlen.

 

Lebensmittel werden im Ayurveda nach einem sehr differenzierten Raster eingeordnet. So unterscheidet die ayurvedische Medizin Geschmack (Rasa), Eigenschaft (Guna), Geschmack nach der Verdauung (Vipaka), Wirkkraft (Virya) und aussergewöhnliche Wirkung (Prabhava) einer Frucht, eines Gemüses, eines Getreides, einer Nuss, eines Gewürzes etc. Der Ayurveda betont ausserdem besonders vorteilhafte und ungünstige Kombinationen von Nahrungsmitteln. So wird Milch beispielsweise nie zusammen mit Früchten (als Milchshakes, Fruchtjoghurts) oder mit Salz eingenommen, da dies der Gesundheit nicht förderlich ist.

Ausserdem bietet uns der Ayurveda wertvolle Orientierungshilfen, indem er die unterschiedlichen Qualitäten der Nahrungsmittel den drei Doshas Vata, Pitta und Kapha zuordnet.

 

Wenn sich jemand für eine vegane Lebensweise entscheidet, so ist es aus ayurvedischer Sicht ausserordentlich wichtig, Lebensmittel zu wählen, die naturbelassen und nicht industriell verarbeitet sind. Moderne vegane Nahrungsmittel sind oft pflanzliche Kopien tierischer Produkte, und durch die hohe industrielle Verarbeitung fehlt es ihnen an Prana (Lebensenergie) und Sattva, und zudem wird Tamas erhöht. Neben Gemüse, Früchten, Getreide und Hülsenfrüchten sind – besonders für den Vata und den Pitta Typen – ausserdem ausreichend hochwertige Fette und Öle wichtig. Rohkost (Salate, Smoothies) ist schwer verdaulich und daher nur für den Pitta Typen bedingt geeignet.

Ebenfalls von grosser gesundheitlicher Bedeutung ist die genügende Versorgung mit leicht verdaulichen, pflanzlichen Proteinen (z.B. Mung-Dal) und Mineralstoffen. Zahlreiche traditionelle ayurvedische Nahrungsergänzungen (Rasayanas) sind hier zu empfehlen.

 

Grundsätzlich betont der Ayurveda die Bedeutung eines starken Agnis, welches als «Verdauungsfeuer» umschrieben werden kann. Nur wenn Agni stark ist, können Nahrungsmittel gründlich verdaut, transformiert und von allen Körpergeweben aufgenommen werden. Ist Agni schwach, so bringt auch die beste und gesündeste Nahrung nicht den erwünschten Erfolg. Für den jeweiligen Menschen ungeeignete Nahrung kann Gesundheitsstörungen verursachen und über längere Zeit sogar krank machen.

 

Aus Sicht des  ayurvedischen Medizinsystems – das sämtliche Ernährungstrends seit Jahrtausenden überdauert hat – soll der Mensch als ganzheitliches Individuum mit all seinen gesundheitlichen Bedürfnissen betrachtet werden. Die Ernährung sollte frei und ohne Wertung gewählt werden.

Gesunde, vitale Menschen mit einem hoch entwickelten Bewusstsein und einer hohen ethischen Gesinnung sind in der Lage, zu einer friedlicheren und gerechteren Welt beizutragen.

Gelebte Einheit überwindet trennende Grenzen. Auch dafür steht Ayurveda.