Vor Ihnen liegt ein Stadtplan. Ein Netz farbiger Linien durchzieht und verbindet als Bus- und Tramlinien alle Quartiere der Stadt. Dazwischen erkennen Sie in kurzen Abständen Punkte, die Ihnen Haltestellen anzeigen, wo Sie ein-, aus-, oder umsteigen können.

Auch wenn das Bild der Buslinien und Haltestellen nur einen unzulänglichen Vergleich zum komplexen und intelligenten ayurvedischen Marma-System unseres Körpers darstellt, so lässt es uns doch seine Grossartigkeit erahnen.

Was sind Marmas?

Das Sanskrit-Wort «Marma» bedeutet «empfindliche, verborgene, lebenswichtige Stelle.»

Dies wären in unserem Bild die Haltestellen. Marmas sind subtile, intelligente und sehr wirksame Steuerpunkte für Körper und Geist. Sie können auch als Vitalpunkte bezeichnet werden. Es sind die Verbindungspunkte von Geist, Körper und Bewusstsein. Dadurch werden Marmas auch als Nahtstellen zwischen Kosmos und Individuum verstanden. Sie beinhalten psychosomatische Qualitäten.

Viele Marmas entsprechen den Akupunkturpunkten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die Meridiane der TCM können in den Grundzügen mit den Nadis (feinste Energiekanäle des Körpers) der ayurvedischen Heilkunde verglichen werden.

Prana – der Lebensatem (Chi, Odem) – fliesst in den Nadis und konzentriert sich in seinen Energiepunkten, den Marmas. Die Marmas kommunizieren über das komplexe System unzähliger Nadis miteinander. Ebenso wirken die Marmas sowohl nach innen als auch - wie Antennen - nach aussen.

Im rund 3000 Jahre alten ayurvedischen Lehrbuch für Chirurgie, der Sushruta Samhita, werden 107 (oder 108, je nach Zählweise) wichtige Energiepunkte genannt. Es mag erstaunen, dass sich ein Chirurgie-Lehrbuch mit Vitalpunkten befasst; doch ayurvedische Chirurgen waren sorgsam darauf bedacht, wenn immer möglich keine dieser Energiepunkte zu verletzen. Verletzte Marmas können als Störfelder wirken und zu Beschwerden führen.

In der südindischen Kalari-Tradition sind 365 Vitalpunkte bekannt, eine ähnlich grosse Zahl wie sie die chinesische Medizin kennt.

In jedem Marma ist Licht und Energie (Agni) vorhanden. Agni ist das «Feuer des Lebens» und für Energie, Transformation und Reife verantwortlich. Im Ayurveda ist Agni als «Verdauungsfeuer» bekannt, das in den Verdauungsorganen und allen Zellen Nahrung verarbeitet und umwandelt – auch in den Marmas.

Als subtile, verbindende Substanz zwischen Bewusstsein und Körper nährt Ojas jedes Marma. Ojas ist die feinstoffliche «Glückssubstanz», die ganz natürlich entsteht, wenn die Verdauung mit all ihren Transformationsprozessen reibungslos funktioniert.

Als Gegenteil von Ojas beschreibt der Ayurveda «Ama» («A-ma» bedeutet wörtlich «nicht verdaut.») Alles, was geistig und körperlich nicht verdaut wurde, wirkt als Ama; ebenso wie Toxine aus der Umwelt, aus Medikamenten oder belasteten Nahrungsmitteln. Ama kann sich in den Nadis, den feinen Energiekanälen ansammeln und dadurch den Energiefluss behindern. Wenn Ama in den Marmas sitzt, nimmt uns dies unsere Wachheit und erzeugt Reizzustände oder Fehlfunktionen in den entsprechenden Steuerzentren des Körpers.

 

Drei grosse (Maha) Marmas

Es handelt sich dabei um drei grosse («Maha» bedeutet gross) Marmas, die in der Körpermitte lokalisiert sind.

  • Sthapani (Stirn-Marma, «3. Auge»)
  • Hridaya (Herz-Marma)
  • Basti (Blasen-Marma)

Sthapani bildet den Mittelpunkt des Kopfes und ist der Sitz der analytischen Intelligenz.

Hridaya, Herz, gilt als Hauptwohnsitz der Seele, der Ort der emotionalen Intelligenz.

Basti, das energetische Zentrum im Unterleib, ist Sitz archaischer Intelligenz. Hier manifestiert sich auch das Urvertrauen.

 

Vier weitere Marmas

Die drei Maha Marmas werden von vier weiteren, ebenfalls zentral im Körper angeordneten, Marmas unterstützt.

  • Adhipati («der oberste Herrscher», an der höchsten Stelle des Kopfes)
  • Nila und Manya (die Hals-Marmas)
  • Nabhi (das Nabel-Marma)
  • Guda (das Wurzel-Marma am Anus)

 

Sieben Hauptzentren

Um diese total sieben Hauptzentren gruppieren sich alle anderen Marmas.

Auch die 7 Chakras stehen mit diesen Energiezentren in Verbindung.

 

Vata, Pitta, Kapha

Die drei Maha Marmas sind eng mit den drei Doshas Vata, Pitta und Kapha verbunden.

Die drei Doshas bilden ein dynamisches Gleichgewicht. Sind wir gesund, sind sie an ihrem angestammten Platz und in Harmonie..

Kapha hat seinen Sitz in der Kopfregion, Pitta im Solarplexus und in der Herzregion, Vata im Unterleib.

 

Die drei Doshas kennzeichnen ausserdem die Funktionen aller Marmas.

  • Vata lenkt diejenigen Marmas, die für die Steuerung, die Bewegungsabläufe und die Orientierung im Raum verantwortlich sind.
  • Pitta beherrscht Marmas, die für den Stoffwechsel, die Energie- und Wärmeentwicklung zuständig sind.
  • Kapha Marmas sorgen für Stabilität, Ausdauer und halten Körperstrukturen aufrecht.

 

5 Marma-Typen

Alle 107 Marmas sind in fünf verschiedene Typen unterteilt.

  • Mamsa: Muskel-Marmas
  • Sira: Blutgefäss-Marmas
  • Asthi: Knochen-Marmas
  • Sandhi: Gelenk-Marmas
  • Snayu: Sehnen-Marmas

 

 

20 Ansätze für die Behandlung von Marmas

Das umfassende Wissen des Ayurveda hält neben Massage und Yogaübungen zur Harmonisierung und zur Stärkung der Vitalpunkte noch verschiedene andere Ansätze bereit. Hier einige Beispiele:

  • Marma-Massagen mit oder ohne Öl
  • Kräuterumschläge und -auflagen
  • Aromaöle, ätherische Öle
  • Licht- und Farbtherapie
  • Edelsteine, das Tragen von Schmuck
  • Klangschalentherapie
  • Yogaübungen
  • Mudras (Fingerstellungen)

Allein schon die Aufmerksamkeit auf einen Marma-Punkt hat einen starken Effekt auf unser Wohlbefinden.

Versuchen Sie doch dazu eine kleine Übung:

  • Setzen Sie sich bequem hin.
  • Schliessen Sie die Augen.
  • Atmen Sie 1x tief durch die Nase ein und aus.
  • Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst auf einen Marma-Punkt, den Sie behandeln möchten.

 

Durch dieses Hineinfühlen beleben Sie den Punkt. Sie spüren seine Energie und vielleicht sogar in ihm gespeicherte Gefühle. Möglicherweise nehmen Sie auch einen Teil seiner Funktion wahr. Manchmal ist es möglich, den Verlauf eines Nadis, der aus dem Marma kommt oder dorthin führt, zu verfolgen.

 

Behandlung von Marmas

Marmas sind kosmische Schaltzentralen unserer Physiologie. Sie sollen geschützt und gestärkt werden. Mit dem erforderlichen Respekt und einem guten Selbstbezug kann es auch Menschen ohne ayurvedische Fachausbildung gelingen, ihre Marmas zu harmonisieren, um so einen wichtigen Beitrag für ihre Gesundheit zu leisten.

Ausserdem bietet das Ayurveda Gesundheitszentrum in Seelisberg professionelle Marma-Behandlungen an.

 

 

Buch-Tipp

Dr. med. Ernst Schrott / Dr. J. Ramanuja Raju / Stefan Schrott

Marmatherapie (Die heilende Kraft der Vitalpunktmassage aus dem Ayurveda)

Mosaik Verlag, 2. Auflage 2009