Der Begriff «Gesundheit» ist uns allen vertraut. Wir wünschen dem Geburtstagskind gute Gesundheit, an Silvester stossen wir gemeinsam auf ein gesundes neues Jahr an, und wenn unser Gegenüber niest, so antworten wir wohlwollend mit «Gesundheit».

Die moderne Medizin hat in den vergangenen rund 200 Jahren grosse Fortschritte erzielt. Krankheiten wurden intensiv erforscht und die wachsende Pharmaindustrie versuchte Antworten zu liefern. Dabei gilt es zu bedenken, dass heute erst von Krankheit gesprochen wird, wenn mittels medizinischer Diagnoseverfahren (z.B. Blutanalyse, Ultraschall, Röntgen) oder Messungen verschiedenster Parameter (z.B. Blutdruck oder Herzfrequenz) definierte Krankheitsbilder in Erscheinung treten. Krankheiten können dadurch von der Schulmedizin erst in einem relativ späten Stadium erkannt und behandelt werden. Im Sinne der heutigen Medizin bedeutet «Gesundheit» demnach «nicht feststellbare Krankheitssymptome».

Ganz anders im Jahrtausende alten Gesundheitssystem Ayurveda.
Die klassischen ayurvedischen Texte beschreiben sechs Stadien einer Krankheit, vom ersten leichten Ungleichgewicht bis hin zur chronischen Krankheit mit schwerwiegenden Komplikationen.

Der Ayurveda versteht Gesundheit als sensibles Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele. Dabei spielen die drei Funktionsprinzipien (Doshas) Vata, Pitta und Kapha eine zentrale Rolle. Solange die Doshas an ihrem definierten Platz im Körper verweilen und ausgeglichen funktionieren, sind wir gesund.

Sechs Stadien einer Krankheit

Das Leben ist voller Dynamik. So kann es vorkommen, dass sich eines oder gleich mehrere Doshas durch unvorteilhafte Ernährung, Umwelteinflüsse oder Stress an ihrem jeweiligen Platz ansammeln. Ayurveda spricht dann von samcaya, dem 1. Stadium.

Im 2. Stadium verstärkt sich das angesammelte Dosha, es kommt langsam in Bewegung. Ayurveda bezeichnet dies als prakopa (Verschlimmerung).

Werden weiterhin keine Massnahmen zum Ausgleich der Doshas ergriffen, so beginnt sich nun im 3. Stadium das angesammelte und bewegliche Dosha von seinem angestammten Platz wegzubegeben und im Körper zu zirkulieren. Allgemeines Unwohlsein und erste vage unspezifische Symptome können nun wahrgenommen werden. Ayurveda bezeichnet das 3. Stadium als prasara.

Im 4. Stadium, im Ayurveda als sthana samshraya oder Lokalisation bezeichnet, setzt sich das umherwandernde Dosha nun irgendwo im Körper fest und beginnt, die Funktionen der Gewebe und Organe zu stören. Auch Ama (Stoffwechselrückstände) spielt jetzt zunehmend eine Rolle.

Erst jetzt im 5. Stadium, vyakti genannt, manifestiert sich die Störung als klar definiertes Krankheitsbild. Durch die unheilvolle Verbindung von Ama und dem unausgeglichenen Dosha wird die normale Funktion der Gewebe und Organe empfindlich gestört.

Das 6. Krankheitsstadium wird im Ayurveda als bheda (Komplikation) bezeichnet. Dieses Stadium ist der finale Ausdruck eines Krankheitsverlaufs. Nun sind nicht mehr nur einzelne Organe und Gewebe betroffen, sondern auch umliegende Organe und Körpersysteme sind beeinträchtigt. Eine Therapie in diesem Stadium wird sehr schwierig.   

Erst die Krankheitsbilder der 5. und 6. Stadien sind von der modernen Medizin erkennbar. Entsprechend aufwändig und teuer sind dadurch die Therapieansätze.

Die grösste Bedeutung des ältesten Gesundheitssystems Ayurveda liegt im Bereich der Prävention. Wenn schon leiseste Ungleichgewichte im System erkannt und mit einfachsten Massnahmen ausbalanciert werden können, verhindert dies zuverlässig das Wachstum und den Ausbruch einer Krankheit.

Ein erfahrener Ayurveda Arzt hat gelernt, durch umfassende Diagnosemethoden (z.B. das Fühlen des Pulses  oder die Zungendiagnose) einen ganzheitlichen Einblick in die Funktion des Körpers und des ganzen Organismus seines Klienten zu erhalten. Je nach individueller Konstitution und Krankheitsstadium des Klienten wird er ausgleichende Massnahmen empfehlen. Dies können Anpassungen bezüglich Ernährung oder Tagesroutine sein. Auch die Verschreibung ayurvedischer Kräuterpräparate, Massageöle oder Reinigungsverfahren (Panchakarma) bringen den Organismus des Klienten wieder ins Gleichgewicht.

So umfassend und ganzheitlich der Ansatz des Ayurveda auch ist; manchmal mag es je nach Krankheitsverlauf angezeigt sein, moderne Medizin und Ayurveda ergänzend zu kombinieren.